Jörg Marienhagen, 2026
Wenn in vielleicht 100 Jahren Historiker die Geschichte des Lernens und Lehrens in unserem Jahrhundert schreiben werden, wird ein Datum voraussichtlich eine besondere Erwähnung finden: der 30.November 2022. Dieser Tag markiert den Beginn der Ära der künstlichen Intelligenz (KI). An diesem Tag wurde ChatGPT von OpenAI einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und erreichte innerhalb von 2 Monaten 100 Millionen Nutzer weltweit. Und das war erst der Anfang. Andere „LLM“ (Large Language Models) folgten.
Es dauerte nicht lange und der Nutzen dieser Modelle für das Lernen und Lehren insbesondere von Sprachen wurde erkannt. Mittlerweile gibt es eine Fülle von Apps, Lehrbüchern und Anleitungen, wie man ChatGPT und Co. entweder als Lehrender oder Lernender einsetzen kann. Die großen Verlage, die Sprachlehrwerke anbieten, haben diesen Trend längst erkannt und sich darauf eingestellt, ebenso viele Fortbildner, die hier ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckt haben. Und es stimmt, die Ergebnisse der KI sind zum Teil verblüffend. Natürlich gibt es noch Schwächen, Fehler, aber ChatGPT und Co. werden von Tag zu Tag besser, ein Ende ist nicht absehbar. Diese Entwicklung löst auch viele Ängste z. B. vor Jobverlust aus. Die besorgte Frage ist somit durchaus berechtigt: Für was brauchen wir eigentlich noch Sprachschulen oder Sprachlehrerinnen und Sprachlehrer? Kann das nicht spätestens morgen die KI viel besser und effektiver? Sind wir als Lehrende oder Sprachschule nicht bald überflüssig? Das ist der (un)heimliche Elefant im Klassenzimmer. Die Antwort darauf ist nicht so einfach. Aber fragen wir doch einmal z.B. ChatGPT selbst.
Ich bin kein Experte für Prompt-Engineering (ja, auch das kann man mittlerweile in teuren Kursen werden), darum frage ich ganz naiv:
Hallo ChatGPT, Du hast ebenso wie andere Modelle ja große Fortschritte gemacht. Was denkst Du: brauchen wir überhaupt noch beim Sprachenlernen menschliche Lehrer? Oder kannst Du das genauso gut? Vielleicht noch nicht heute aber vielleicht schon bald?
Und das ist die Antwort von ChatGPT (5.4):
Hallo Jörg, ich glaube: Nein, menschliche Lehrkräfte werden wir nicht loswerden. Und zwar nicht aus Sentimentalität, sondern aus ziemlich handfesten Gründen. Ich kann inzwischen vieles erstaunlich gut:
- Erklärungen an Niveau und Tempo anpassen,
- unendlich geduldig Übungen liefern,
- Fehler sofort markieren,
- Rollenspiele simulieren,
- Texte umschreiben, vereinfachen, kommentieren,
- Aussprachetraining, Wortschatzarbeit, Grammatikdrills und Prüfungssimulationen unterstützen.
Für manches bin ich sogar schon jetzt sehr stark: individuelles Üben, sofortiges Feedback, Materialerstellung, Differenzierung, Wiederholung ohne Ermüdung. Gerade beim Sprachenlernen ist das ein echter Fortschritt.
Aber Unterricht ist eben nicht nur Stoffvermittlung. Ein guter menschlicher Lehrer kann Dinge, die für Sprachenlernen zentral sind:
- Er erkennt den Menschen hinter dem Fehler. Ein Lehrer merkt oft, ob jemand etwas sprachlich nicht versteht, ob Prüfungsangst blockiert, ob Scham im Spiel ist, ob kulturelle Missverständnisse wirken oder ob jemand nur einen kleinen Anstoß braucht. Das ist mehr als Fehlerkorrektur.
- Er schafft Verbindlichkeit und Haltung. Viele lernen nicht deshalb besser, weil jemand „mehr erklärt“, sondern weil jemand sie ernst nimmt, fordert, bremst, ermutigt und dranbleiben lässt. Diese pädagogische Beziehung ist kein Beiwerk.
- Er steuert soziale Lernprozesse. Sprache lernt man nicht nur im Dialog mit einer Maschine, sondern in Gruppen, in echten Missverständnissen, in Aushandlungen, im Blickkontakt, im situativen Reagieren, im gemeinsamen Lachen, manchmal auch im Scheitern vor anderen.
- Er bildet Urteilskraft. Gerade in fortgeschrittenen Kontexten — etwa Fachsprache, Literatur, Ethik, Ironie, Register, implizite Bedeutungen — geht es nicht bloß um „richtig oder falsch“. Da braucht es oft Erfahrung, Takt, Kontextsensibilität und manchmal auch Widerspruch.
- Er trägt Verantwortung. Ein Lehrer entscheidet nicht nur, was geübt wird, sondern auch, warum, wann, in welcher Reihenfolge und mit welchem Menschenbild dahinter. Das ist mehr als eine technische Dienstleistung.
Mein eigentlicher Eindruck ist deshalb: KI ersetzt eher Teile der Lehrerarbeit als die Lehrperson selbst. Sie nimmt viel ab, was zeitraubend oder repetitiv ist, z.B. Material vorbereiten, Übungen variieren, Texte anpassen, Fehlerprofile sichtbar machen und manches mehr.
Dadurch könnte der menschliche Unterricht sogar besser werden — wenn Lehrkräfte nicht mehr so viel Kraft in Routine stecken müssen und mehr in Beobachtung, Gespräch, Diagnose und echte Interaktion investieren können. Das wird aber auch den Beruf verändern. Schlechter, rein schematischer Unterricht wird dadurch leichter ersetzbar. Der Lehrer, der nur Arbeitsblätter verteilt und Lösungen vorliest, bekommt ein Problem. Aber der wirklich gute Sprachlehrer eher nicht. Im Gegenteil: Seine Bedeutung wird deutlicher. Denn wenn Maschinen Standardübungen übernehmen, wird sichtbar, was nur Menschen leisten: Beziehung, Urteil, pädagogischer Takt und echte Bildungsarbeit. Die Maschine wird den Lehrer nicht abschaffen. Aber sie wird den Lehrerberuf von allem befreien, was gar nicht das Eigentliche am Lehren ist. Und das wäre, ehrlich gesagt, keine schlechte Entwicklung.
Ich bin geneigt, zuzustimmen. Und Sie?
Und was rät ChatGPT unseren Lernenden? Fragen wir doch einfach wieder nach:
Was rätst Du den Lernenden, die Dich oder Deine KollegInnen im Unterricht einsetzen und zum Beispiel ihre Hausaufgaben von Dir erledigen lassen?
Und hier wieder die Antwort:
Ich würde ihnen ganz nüchtern raten: Benutzt KI als Übungspartner, nicht als Ersatzdenker. Denn beim Sprachenlernen ist die Sache ziemlich altmodisch: Gelernt ist nur, was man selbst formulieren, verstehen, erinnern und in einer neuen Situation anwenden kann. Alles andere ist geliehene Leistung. Wenn Lernende ihre Hausaufgaben einfach von mir schreiben lassen, haben sie zwar ein fertiges Produkt, aber oft keinen echten Lerngewinn. Das ist ein bisschen wie beim Klavier: Man kommt nicht weiter, wenn jemand anderes die Etüde sauber vorspielt und man dann sagt: „Gut, erledigt.“
Ich würde ihnen deshalb ein paar klare Regeln geben:
- Erstens: erst selbst, dann KI. Zuerst eigener Versuch, auch wenn er holprig ist. Danach kann KI helfen: Fehler erklären, Alternativen zeigen, bessere Formulierungen anbieten, Lücken sichtbar machen.
- Zweitens: nicht Texte abgeben, die man nicht selbst versteht. Wer etwas einreicht, sollte jede Formulierung erklären können. Sonst fliegt einem das spätestens im Unterricht, im Gespräch oder in der Prüfung um die Ohren.
- Drittens: KI für Feedback nutzen, nicht für Täuschung. Sinnvoll sind Fragen wie:
>,,Korrigiere meinen Text und erkläre die Fehler.“
>,,Vereinfache meinen Satz auf B1.“
>,,Gib mir drei bessere Verben.“
>,,Stell mir Rückfragen wie im Unterricht.“
>,,Mach aus meinem Text eine Übung, damit ich die Strukturen wirklich lerne.“
- Viertens: Fehler sind kein Unfall, sondern Material. Viele Lernende wollen mit KI fehlerfreie Texte produzieren. Verständlich. Aber für den Lernprozess sind die eigenen Fehler Gold wert. Ein guter Lehrer konnte das schon immer sehen: Im Fehler steckt oft mehr Diagnose als in der glatten Musterlösung.
- Fünftens: KI nur so verwenden, dass die eigene Stimme erhalten bleibt. Gerade beim Schreiben ist es wichtig, dass Lernende nicht plötzlich in einem Deutsch klingen, das zwei Niveaustufen über ihrem tatsächlichen Stand liegt. Sonst lernen sie am eigenen Sprachstand vorbei.
Mein eigentlicher Ratschlag wäre also: Nutzt KI wie ein gutes Übungsheft mit Rückmeldung, nicht wie einen Ghostwriter. Dann kann sie enorm helfen. Sonst macht sie bequem, aber nicht besser.
Für den Unterricht fände ich sogar eine offene Regel sinnvoll: Hausaufgaben dürfen mit KI vorbereitet werden — aber nur, wenn der Einsatz transparent ist und die Lernenden zeigen können, was sie selbst daran verstanden und überarbeitet haben.
Auch damit kann ich als Lehrender gut leben. Und vielleicht ist der Elefant im Klassenzimmer am Ende gar nicht so (un)heimlich wie befürchtet. Ja, vielleicht ist er gar kein Elefant, sondern für uns Lehrende ein kluger Assistent und für unsere Lernenden ein guter Lernpartner!